Halbe Kinder – die Lage von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Jedes Jahr befindet sich unter den tausenden von Geflüchteten eine Gruppe, die besonderen Schutz bedarf: Die Rede ist von unbegleitet minderjährigen Flüchtlingen. Für diese Kinder und Jugendliche kommt zusätzlich zu der großen Notsituation, die Flüchtlinge ohnehin durchleben müssen, eine Anzahl weiterer beschwerender Faktoren wie das junge Alter, traumatische Erlebnisse während der alleinigen Flucht sowie eine dauerhafte Trennung von ihren Familien hinzu.

Im Jahr 2015 waren es 6.175 Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Familien in Österreich ankamen und einen Asylantrag gestellt haben – ein deutlicher Anstieg, denn im gesamten Jahr 2014 waren es bloß 2.260 (1).

Oft kommen diese jungen Schutzsuchenden ohne Papiere an – ihr Alter wird im Folgenden mittels Handwurzelröntgen oder Zahnstandsanalyse festgestellt und ein neues Geburtsdatum eingetragen. Psychologische Urteile und das Wohlbefinden des jungen Flüchtlings stehen hier im Hintergrund. Das Ergebnis der Untersuchung hat für den Jugendlichen aber erhebliche Auswirkungen: Wird er über 18 und somit volljährig geschätzt, fallen viele Schutzrechte weg und in vielen Fällen droht die Abschiebung in andere EU-Staaten (2).

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass diese Methoden sehr ungenau ausfallen können, wird durch eine solche Herangehensweise der mentale und psychische Zustand völlig außer Acht gelassen. Fakt ist aber, dass viele der Flüchtlinge traumatisierende Erlebnisse hinter sich haben. Für viele Jugendliche sind die Begutachtungen zudem eine große Belastung (3).

Langwierige Untersuchungen und die ständige Angst der Abschiebung ist nicht gerade eine Art von Willkommenskultur, die für einen Staat wie Österreich angemessen ist. Sollten wir nicht viel eher auf den einzelnen Jugendlichen eingehen und psychologische und gesundheitliche Aspekte vor ein willkürliches Ergebnis einer Zahnstandsanalyse stellen? Schließlich kann so eine Volljährigkeitserklärung über das Schicksal eines jungen Menschen entscheiden.

Doch welche Rechte kommen einem unbegleitet minderjährigen Flüchtling überhaupt zu? Österreich hat sich als Mitglied der UN zu Folgendem verpflichtet:

„Die Vertragsstaaten treffen geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass ein Kind, das die Rechtsstellung eines Flüchtlings begehrt (…) angemessenen Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte erhält (…) und zwar unabhängig davon, ob es sich in Begleitung seiner Eltern oder einer anderen Person befindet oder nicht.“ (Artikel 22 Kinderrechtskonvention)

Demnach stände jedem Kind, unabhängig davon, ob es sich in Begleitung ihrer Eltern befindet oder nicht, besonderer Schutz zu. Unbegleitet minderjährige Flüchtlinge kommen beispielsweise in eigenen Betreuungsplätzen anstatt von ungeeigneten Massenquartieren unter. Doch die Realität zeigt hier leider oft ein anderes Bild: Zahlen belegen, dass in Österreich rund 2500 unbegleitet minderjährige Flüchtlinge in normalen Asyleinrichtungen ohne altersgerechte Betreuung untergebracht sind. Auch finanziell werden diese jungen Menschen ungleich behandelt. Gemessen an den Tagsätzen, scheinen diese Jugendliche für den österreichischen Staat nur „halbe Kinder“ zu sein. Denn während für österreichische Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, der Tagessatz bei 300 Euro angesetzt ist, liegt der Höchstsatz für unbegleitet minderjährige Flüchtlinge bei lediglich 77 Euro (4).

Doch brauchen nicht gerade diese Kinder und Jugendliche besonderen Schutz und Unterstützung? Anstelle von einschüchternden Untersuchungen und mangelnder Unterbringung und Betreuung, sollten wir vielleicht lieber die Chance auch für unsere Gesellschaft erkennen und diesen motivierten Jugendlichen Zukunftsperspektiven und gleiche Rechte einräumen. Ein bisschen mehr Menschlichkeit und Gleichheitsgedanke in unserem Asylsystem ist abschließend gesagt längst überfällig.

 

Johanna Zauner ist Teilnehmerin des 8. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie.

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