Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkelkinder

“Thus for the first time since his creation man will be faced with his real, his permanent problem – how to use his freedom from pressing economic cares, how to occupy the leisure, which science and compound interest will have won for him, to live wisely and agreeably and well.”1

So lautete 1930 John Maynard Keynes’ recht optimistische Zukunftsprognose für das Jahr 2030. In seinem titelgebenden Essay “The economic possibilities of our grandchildren” beschreibt er die Befreiung der Menschheit von ihren ökonomischen Fesseln durch rasch wachsenden Wohlstand; ermöglicht durch technologischen Fortschritt und Zinseszinsen. Nun ist im Lichte der damalig erst kürzlich zurückliegenden Wirtschaftskrise 1929 ein gewisser Optimismus zwar ebenso notwendig wie löblich, allerdings dürfte ebenjenem Optimismus die Betrachtung der Verteilungsfrage zum Opfer gefallen sein. Tatsächlich sieht die Realität 14 Jahre vor Ablauf von Keynes’ anberaumten hundert Jahren trotz seither teils starker Wachstumsphasen bekanntermaßen anders aus.

Seit den 1970er Jahren ist sogar eine eher gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Gleichsam in reichen Industrienationen und in Entwicklungsländern ist eine Konzentration der Einkommen und ein Ansteigen der relativen Armut festzustellen. Interessanterweise treibt die neoliberale Globalisierung der letzten Jahrzehnte diese gesellschaftlichen Verschiebungen äußerst rasant in einem der reichsten Länder der Erde voran – in der Schweiz.² In Anbetracht dessen ist es nicht besonders verwunderlich, dass die eidgenössische Volksinitiative “Für ein bedingungsloses Grundeinkommen”, die im Juni zur Abstimmung gestellt wird, eine der erfolgreichsten Initiativen in der Geschichte der Schweiz ist.

Die Idee hinter einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) ist denkbar einfach: Ein existenzsichernder Staatstransfer ohne Gegenleistung ersetzt bisherige Sozialleistungen. Eine reiche Gesellschaft könne so die Gelegenheit wahrnehmen, jedem Mitglied ein gutes Leben zu ermöglichen, meinen Befürworter. Die Befreiung von ökonomischer Last und ein zeitweises Ausbrechen aus dem Alltag sollen möglich werden und das physische und psychische Wohlbefinden der Gesellschaft steigern.

Gegner befürchten dadurch fehlende Anreize, sträuben sich gegen den Abbau der jahrelang erkämpften Leistungen des Wohlfahrtsstaates, klammern sich gedanklich an das Leistungsprinzip oder kritisieren mangelnde Finanzierungskonzepte.

Traditionelle Grenzen zwischen links und rechts werden hierbei im Diskurs verwischt, alteingesessene Lager aufgespalten. Der rege Gedankenaustausch zur Thematik hat dementsprechend dazu geführt, das BGE wohl zurecht als “erste postideologische Idee für das 21. Jahrhundert”³ zu bezeichnen.

Wenn wir uns nun heute die Frage stellen, in welchen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen unsere Enkel leben sollen (und ich erlaube mir, zu empfehlen, dass wir uns diese Frage auch tatsächlich stellen sollten), müssen wir uns (“der Gesellschaft”) vor Augen halten, dass die Tendenzen, die ihren Ausgang in der neoliberalen Revolution der 1970er genommen haben, sich in keiner Art und Weise von selbst auflösen können und wollen. Mit den Charakterzügen eines selbstverstärkenden und -reproduzierenden Prozesses ausgestattet, werden sich Ungleichheits-, Macht- und Finanzproblematiken globaler wie nationaler Natur auch in Zukunft fortsetzen und wohl nie dagewesene Ausmaße annehmen.

Diese Feststellung ist weder überraschend noch innovativ, umso überraschender daher, dass sie dem öffentlichen Diskurs und der medialen Aufmerksamkeit nach wie vor fernzubleiben scheint. Hier hat die Schweiz die Möglichkeit, eine Vorbildfunktion einzunehmen und den sprichwörtlichen Stein ins Rollen zu bringen. Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung schaffen sich die Eidgenoss_innen in der Zeit vor der Abstimmung nämlich genau das – eine verstärkte öffentliche Wahrnehmung der gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme eines globalisierten Zeitalters.

Angesichts des Anstiegs von prekären Arbeitsverhältnissen, Armut und Ungleichheit wird das ein notwendiger Schritt sein und bleiben, wenn der Traum, der für die Enkel der Generation Keynes nicht in Erfüllung gegangen ist, für unsere Enkel realistisch bleiben soll.

 

Literatur:

  • 1: Keynes J.M., Essays in Persuasion, New York: W.W.Norton & Co., 1963, pp. 358-373.
  • 2: Mäder U. et al, Wie Reiche denken und lenken – Reichtum in der Schweiz, Zürich: Rotpunktverlag,2010.

 

 

Gregor Zens ist Teilnehmer des 8. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie.

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