Geplante Obsoleszenz – wie künstlich geschaffener Konsum unseren Planeten zerstört

 

Wir alle kennen es: Ungefähr alle 2 Jahre wird das Handy ausgetauscht, das zugehörige Ladekabel muss man meist doppelt so oft ersetzen. Der Laptop wird nach circa 5 Jahren neu gekauft, (elektronische) Haushaltsgeräte wie Mixer, Waschmaschine und Kaffeemaschine gehen gefühlt immer schneller kaputt. Dieses Gefühl kommt jedoch nicht von nirgendwo: Die „Lebensdauer“ der meisten unserer Gebrauchsgegenstände verkürzt sich unaufhaltsam.
Die Konzerne, die uns die Produkte des täglichen Bedarfs verkaufen, berufen sich dabei auf die Nachfrage der Kunden nach billigen Gebrauchsgütern, denn die Menschen wären eher bereit öfter billige Produkte zu kaufen, als seltener teurere –  das sagen zumindest die Konzerne. Der Hebel, den die Unternehmen dabei nutzen ist relativ simpel: Da man beim Einkaufen oft keine Möglichkeit hat objektive Informationen über die Qualität in Erfahrung zu bringen, greifen viele von uns zu den billigen Produkten. Dabei ist in vielen Fällen im Inneren des Produkts ein leicht abnutzbares Teil – beispielsweise ein Zahnrad aus kurzlebigem Plastik – eingebaut, welches für den raschen Verschleiß verantwortlich ist. Auf der anderen Seite haben nur in seltenen Fällen teurere Güter tatsächlich eine höhere Qualität; oft ist hier sogar dieselbe Technik verbaut, nur die Gewinnspanne einfach noch höher.

Zerstörende Marktmechanismen
Alle Unternehmen kann man aber nicht in denselben Topf werfen: Einzelne (meist kleinstrukturierte) Betriebe sind sich ihrer Verantwortung bewusst und konzipieren langlebige, qualitativ hochwertige Produkte. Ob man jedoch bei einem bestimmten Produkt nun wirklich mit hoher Qualität und damit Lebensdauer rechnen kann ist im Alltag oft sehr schwierig herauszufinden, da sich mittlerweile viele Unternehmen einer an „Nachhaltigkeit“ orientierten Marketingstrategie bedienen, obwohl sie nichts in diese Richtung unternehmen. Aus den Marktmechanismen ergibt sich dabei eine Benachteiligung von Unternehmen, die qualitativ hochwertige Produkte verkaufen. Die auf lange Sicht geringeren Verkaufszahlen bedeuten für nachhaltig produzierende Unternehmen einen geringeren Absatz und Marktanteil, weil die Mitbewerber ihre Verkaufszahlen ja durch die kürzere Lebenszeit künstlich nach oben treiben. Will man dabei im freien Markt als Unternehmen bestehen, ist man quasi gezwungen nachzuziehen. [1]
Dabei beschränkt sich der Wirkungsmechanismus der „Geplanten Obsoleszenz“ – also dem bewusst geplanten Verschleiß der Güter – keineswegs auf elektronische Produkte. Verschiedene Konzepte beschreiben weitere Mechanismen, und unterscheiden dabei zwischen „funktioneller Obsoleszenz“ und „psychologischer Obsoleszenz“.

Das „Ablaufdatum“ (eigentlich Mindesthaltbarkeitsdatum) von Lebensmitteln, das bei der Ermittlung keinen wissenschaftlichen Kriterien unterliegt [2] sowie immer kürzere Modezyklen und Statussymbole wie das Design von Autos erklären sich dabei durch die Funktionsmechanismen der Geplanten Obsoleszenz, in diesem Fall bedienen sich die Unternehmen psychologischer Verfahren um Bedürfnisse zu schaffen; die veralteten Produkte werden (obwohl sie oft noch ihre eigentliche Funktion erfüllen würden) entsorgt und neu gekauft.

Ausbeutung von Mensch und Natur
Ein wichtiger Hebel ist dabei die Werbung, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, und das Vorleben des westlichen Konsum-Lifestyles von „role models“ und Medien. Dabei wird uns schon von Kindesalter an indoktriniert, dass wir immer mehr konsumieren und besitzen sollen. Was somit für viele von uns selbstverständlich ist und insgesamt schon fast zur Kultur gehört ist auf psychologisch hoch wirkungsvolle PR zurückzuführen: Die Befriedigung von bewusst geschaffenen Bedürfnissen. [3]
Die Auswirkungen sind dabei immens: Während auf der einen Seite durch die Geplante Obsoleszenz das dringend benötigte Wirtschaftswachstum erreicht, und zahllose Arbeitsplätze finanziert werden, liegt es auf der Hand, dass das System der Geplanten Obsoleszenz auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden kann. Die uneingeschränkte Produktion von Produkten aller Art zieht massive Konsequenzen nach sich: Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung (z.b. durch Plastik und Chemikalien), bedeuten mittelfristig eine Gefährdung unserer eigenen Lebensgrundlage. Darüber hinaus landet unser Abfall am Ende meist in Ländern mit geringen Umweltstandards um die Entsorgungskosten zu senken. Dort werden dann unter der Freisetzung von giftigen Stoffen die letzten Rohstoffe herausgelöst.

Wer ist verantwortlich?
Konzerne behaupten dabei stets, dass so etwas wie Geplante Obsoleszenz nicht existiert [4], und dass die Verantwortung für die immer kürzeren Nutzungszyklenzyklen bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern liegt, da die Firmen die Produktqualität den Bedürfnissen und Ansprüchen des Konsumenten anpassen. Dabei hat man, wie bereits  ausgeführt, aufgrund von mangelnder Transparenz und der Fülle von angebotenen Produkten im Alltag nicht die Möglichkeit, sich für qualitativ hochwertige Produkte zu entscheiden. Darüber hinaus liegt die Verantwortung hierfür nicht (nur) bei den Verbrauchern, sondern bei den Strukturen und Mechanismen, die die Firmen quasi dazu zu zwingen ihre Produkte künstlich kaputtgehen zu lassen, weil sie sonst selbst schlichtweg nicht überleben könnten.

Auswege aus dem Dilemma
Natürlich kann man als Einzelperson – auch fürs Gewissen – im Alltag darauf achten insgesamt weniger zu kaufen und mangelhafte Produkte reparieren zu lassen, anstatt diese neu zu kaufen. Das wird jedoch nicht die grundsätzliche Problematik des Systems der Geplanten Obsoleszenz mit all ihren Auswirkungen lösen. Die einzige Möglichkeit wirksam dagegen vorzugehen liegt darin, den „Raubtierkapitalismus“, der derzeit weltweit vorherrscht, zu zähmen, und von staatlicher Seite in der Gesetzgebung private Profitinteressen den Zielen der nachhaltigen Entwicklung hinten an zu stellen. Ein möglicher Ansatz, um das zu organisieren, bietet zum Beispiel das Konzept der Gemeinwohlökonomie des Ökonomen Christian Felber. Diese integriert die sozialen und ökologischen Auswirkungen des wirtschaftlichen Treibens mittels Besteuerung in den Preis von Produkten und Dienstleistungen, während sozial und ökologisch nachhaltige Produkte steuerlich begünstigt oder sogar subventioniert werden. Das Wirtschaftssystem wäre dadurch so konzipiert, dass es sich nicht mehr lohnen kann Mensch und Natur auszubeuten.
Kurzfristige und sofort umsetzbare Maßnahmen um die Problematik der Geplanten Obsoleszenz zumindest abzuschwächen, wären zum Beispiel die Ansprüche für die gesetzliche Gewährleistungsfrist zu erhöhen, oder Firmen dazu zu verpflichten Ersatzteile für ihre Produkte auf lange Zeit zu lagern. Darüber hinaus wäre die Einführung einer unabhängig kontrollierten „zu erwartenden Produktlebenszeit“, ausgeschildert auf Etiketten und Beipacktexten, möglich.
Ohne Druck auf die hierfür verantwortlichen politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger wird das aber nicht geschehen.

 

 

Mehr zum Thema:
Thematik übersichtlich aufbereitet, als PDF frei verfügbar (Hgb: B90/Die Grünen):
https://www.gruene-bundestag.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/r18-018_obsoleszenz.pdf
Grundsätze der Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber:
http://www.christian-felber.at/schaetze/gemeinwohl.pdf

 

Quellen:

[1] Reuß, Jürgen und Dannoritzer, Cosima: Kaufen für die Müllhalde. Freiburg 2013,

Seiten 79 ff.

[2] Kreiß, Christian: Geplanter Verschleiss. Wien 2014, Seite 52

[3] Corneo, Giacamo: Bessere Welt. Berlin 2014, Seite 83

[4] Die Presse: „Geplante Obsoleszenz? Das ist ein völliger Mythos“, In: Die Presse vom 30.3.2013 (Interview mit Albert Albers)

 

Konrad Loimer war Teilnehmer des 10. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie

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