Wer schafft die soziale Mobilität?

Anregungen für Politikinteressierte und StudienabbrecherInnen

Das Leben ist kein Ponyhof und das umso weniger, wenn man in der Geburtslotterie den Kürzeren gezogen hat. Auch wenn man schon das Glück hat, in einem der wohlhabendsten Länder auf diesem Erdenrund geboren zu sein, so ist man noch lange nicht aus dem Schneider. Denn auch hier bestimmen die familiären und sozioökonomischen Umstände, in welche man hineingeboren wird, maßgeblich den zukünftigen Lebensweg von Herrn und Frau ÖsterreicherIn. Das Stichwort ist “soziale Mobilität”, ein Thema, welches bereits von Armin Edelmayer in diesem Blog gestreift wurde. Da sich dieser Beitrag noch nicht mit den Lösungsmöglichkeiten befasst hat, möchte ich mich nun diesem Umstand annehmen und mögliche Auswege aus diesem Dilemma diskutieren.

Im wissenschaftlichen Kosmos haben sich inzwischen eine Fülle von engagierten WissenschafterInnen diesem Thema angenommen, so auch Deckers et al. [1]. Sie stellen fest, dass Kinder aus verschiedenen sozioökonomischen Schichten bereits im Volksschulalter Unterschiede etwa beim Intelligenzquotienten oder Risikoverhalten aufzeigen. Anhand gründlicher Untersuchungen empfehlen die AutorInnen dieser Studie verschiedene Lösungswege, welche von der Politik eingeschlagen werden könnten, um diese Divergenzen möglichst effektiv zu verringern. Im Folgenden möchte ich diese Maßnahmen und ihre Umsetzbarkeit für Österreich diskutieren.

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernt man

Dies sehen auch Deckers et al. [1] so und empfehlen den verpflichtenden Schulbesuch bis zur Matura. So direkt und einfach dieser Vorschlag auch klingen mag, umso kniffliger dürfte dessen Umsetzung in Österreich sein, da dieser eine komplette Umkrempelung des Bildungssystems zur Folge hätte. Die Trennung zwischen Gymnasium und Neuer Mittelschule würde obsolet, worin bereits der erste Haken liegen könnte. Denn im derzeitigen Regierungsprogramm wird explizit darauf verwiesen, ein differenziertes Schulsystem nicht nur zu erhalten, sondern auch auszubauen [2]. Jedoch sind die politischen Hürden nicht die einzigen, welche es zu überkommen gilt.

Das System der Lehre stellt einen integralen Teil des österreichischen Bildungssystems dar. Um eine Lehre beginnen zu können reicht es, die allgemeine Schulpflicht von neun Jahren beendet zu haben. Abgeschlossen wird diese duale Ausbildung mit einer Lehrabschlussprüfung, wodurch der erfolgreiche Prüfling als Fachkraft gilt. Eine abrupte Ausweitung der Schulpflicht auf zwölf Jahre würde anfangs zu einem Ausbleiben neuer Fachkräfte führen, angesichts des schon jetzt eklatanten Fachkräftemangels eine fatale Aussicht für österreichische Unternehmen [3]. Es besteht allerdings in diesem Bereich ebenso die Möglichkeit, die Lehrausbildung mit Matura abzuschließen. Ob eine Verpflichtung zur Lehre mit Matura sinnvoll ist, ist jedoch anzuzweifeln, da dies nur unter zusätzlichem Aufwand möglich ist und nicht für jeden/jede bewältigbar sein würde.

Eine dritte Komponente, welcher große Beachtung gebührt, ist die finanzielle. Eine Ausweitung der Schulpflicht würde mit immensen Kosten einhergehen, da nicht nur zusätzliches Lehrpersonal finanziert, sondern auch räumliche Kapazitäten bereitgestellt werden müssten. Dies zeigt wiederum, dass eine derartige Reform einen weiten zeitlichen Horizont umfassen müsste. Es wäre also unumgänglich, die Schulpflicht schrittweise zu erhöhen, um den Ansprüchen einer derartigen Veränderung gerecht zu werden. Trotz der großen Hürden würde sich dies jedoch durchaus lohnen, da bereits ein zusätzliches Jahr an Schulbildung signifikante Verbesserungen mit sich bringt [4].

Nur Bares ist Wahres

Eine weitere Maßnahme, der sozialen Immobilität den Kampf anzusagen, wären finanzielle Beihilfen für einkommensschwache Familien. Dies ist wenig überraschend, ist der Druck früh ins Berufsleben einzusteigen doch umso größer, je knapper die finanziellen Ressourcen zu Hause sind. Finanzielle Sicherheit ermöglicht hingegen, sich länger zu bilden und somit einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Tertiäre Bildung zu subventionieren stellt jedoch für eine Regierung ein Investment dar, deren Rendite sich nur schwer messen bzw. auch kaum kausal und öffentlichkeitswirksam verknüpfen lässt. Das Risiko, viel Geld in die Hand zu nehmen und in absehbarer Zeit keine vorzeigbaren Ergebnisse liefern zu können, macht eine politische Partei zur Zielscheibe ihrer GegnerInnen und somit gehen die meisten Regierungen bei solchen Maßnahmen eher zögerlich vor.

In Österreich scheint der Trend derzeit in die entgegengesetzte Richtung zu laufen, zumal eine derartige Politik von einem überwiegenden Teil der Bevölkerung durchaus goutiert wird. Im neuen Sozialhilfegesetz erhalten Zuwanderer und Zuwanderinnen mit schlechten Deutschkenntnissen nur 65% der regulären Leistung, während zusätzlich für Familien mit mehreren Kindern Kürzungen ins Haus stehen [5]. Der amtierende Kanzler und Vizekanzler sehen hier ein faireres System, welches die Integration fördern würde, da das Sozialsystem für Zuwanderer und Zuwanderinnen offensichtlich zu attraktiv gewesen sei [6]. Jedoch sind es zumeist genau jene Familien, welche die zusätzliche Unterstützung nötig haben, um einer intergenerationellen sozialen Immobilität entgegenzusteuern [7]. In dieselbe Kerbe schlägt der neu eingeführte Familienbonus Plus, welcher eine Rückerstattung auf die gezahlte Lohnsteuer eines Jahres darstellt. Demnach können besonders jene Menschen von diesem Geldsegen profitieren, welche ohnehin bereits ein stattliches Einkommen erwirtschaften. Für jene Menschen, die zu wenig verdienen und dadurch keine Lohnsteuer zahlen, bleibt nur ein äußerst kleiner Betrag. Dadurch wird das vorhandene Problem noch weiter verstärkt.

Ein neuer Stil

Zu guter Letzt empfehlen Deckers et al. [1] Maßnahmen, welche den Erziehungsstil der Eltern beeinflussen, da sich herausgestellt hat, dass auch dieser maßgeblich zum schulischen Erfolg der Nachkommen beiträgt. Besonders zeitliches Investment in die eigenen Kinder wirkt sich positiv auf die Schulleistungen aus. Als besonders fördernd wurde eine Erziehungsmethode wahrgenommen, die auf guten Zuspruch und Belohnung aufbaute. Harte Bestrafungen hingegen zeigten negative Auswirkungen. Nun wäre es jedoch aus politischer Sicht äußerst pikant, wenn nicht unmöglich, sich in solch private Angelegenheiten wie die Erziehung einzumischen. Eine breit aufgelegte Öffentlichkeitskampagne wäre möglicherweise eine der wenigen Möglichkeiten. Wo die Politik durchaus die Rahmenbedingungen setzen kann ist die zeitliche Verfügbarkeit der Eltern. Eine gar zu hohe Arbeitszeit lässt oft nur mehr wenig Zeit für die Kindererziehung. Besonders alleinerziehende Eltern sehen sich oft diesem Dilemma ausgesetzt. Eine Reduktion der Arbeitszeit wäre ein Ansatz, wovon besonders Eltern, welche einem großen finanziellen Druck ausgesetzt sind, profitieren würden. Positive Nebeneffekte, wie weniger Stress oder eine bessere Work-Life-Balance, würden außerdem allen ArbeitnehmerInnen zugute kommen [8].

Fazit – Wer hat, dem wird gegeben

Österreich kann im Kampf gegen die soziale Immobilität nur ein sehr ungenügendes Zeugnis ausgestellt werden. Bei Kürzungen für die Ärmsten und gleichzeitigen Boni für Besserverdienende bleiben jene auf der Strecke, welche die Hilfe am meisten benötigen. Angesichts der Tatsache, dass soziale Immobilität in Österreich bereits seit Jahrzehnten ein bekanntes Problem darstellt, obwohl es zahlreiche Lösungsansätze und Best-Practice Erfahrungen gibt, ist unklar, woran eine Verbesserung der Lage in Österreich scheitert. Möglicherweise sind es der weite Zeithorizont und die stattlichen Kosten, welche eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Problem bremsen. Vielleicht ist es politisch aber auch wenig opportun, bestimmten Gesellschaftsschichten durch politische Maßnahmen zu sehr unter die Arme zu greifen. Was auch immer der Grund ist, die Leidtragenden sind niemals nur die Schwächsten, sondern immer auch die Gesellschaft selbst. Merkt’s euch des amal!

[1] Deckers,, T., Falk, A., Kosse, F., Pinger, P. R., & Schildberg-Hörisch, H. (2017). Socio-economic status and inequalities in children’s IQ and economic preferences.

[2] Bundeskanzleramt Österreich. (2017). Zusammen. Für unser Österreich. Regierungsprogramm 2017-2022. Url: https://www.bundeskanzleramt.gv.at/documents/131008/569203/Regierungsprogramm_2017%E2%80%932022.pdf/b2fe3f65-5a04-47b6-913d-2fe512ff4ce6 (besucht am20. 01. 2019).

[3] Salzburger Nachrichten. (2018). WKÖ-Studie: In Österreich fehlen 162.000 Fachkräfte. url: https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/wkoe-studie-in-oesterreich-fehlen-162-000-fachkraefte-39460492 (besucht am 20.01.2019).

[4] Oberösterreichische Nachrichten. (2019). Mindestsicherung: Scharfe Kritik an Regierungsvorlage. url: https://www.nachrichten.at/nachrichten/politik/innenpolitik/einheitliche-sozialhilfe-loest-mindestsicherung-ab;art385,3109951 (besucht am 25.03.2019)

[5] Profil. (2019). Mindestsicherung neu: Die wichtigsten Änderungen. url: https://www.profil.at/shortlist/oesterreich/mindestsicherung-neu-aenderungen-10681519 (besucht am 25.03.2019)

[6] Oreopulos, Philip (2006). „Estimating average and local average treatment effects of education when compulsory schooling laws really matter“. In: American Economic Review 96.1, S. 152–175.

[7] Oberdabernig, D., & Schneebaum, A. (2017). Catching up? The educational mobility of migrants’ and natives’ children in Europe. Applied economics, 49(37), 3701-3728.

[8] Sill, Tamara (2019). “Die Vorteile der Viertagewoche”. url: https://orf.at/stories/3112228/ (besucht am 25.03.2019)

Sebastian Reis ist Teilnehmer des 11. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie.

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